Ein

Wochenende in Punta de Jacuaba

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Im Kaleidoskop des brasilianischen Nordostens. Idyllische Fassade des alten Brasiliens.
17. April 2000. Aus dem Tagebuch.

Von zwei die auszogen, das Land kennen-
zulernen


Wer nach Punta de Jacuaba will, sollte wissen, bei welcher Tankstelle der Überlandbus aus Recife dafür anhalten muß. Per Motorradtaxi geht es von dort zum nächst gelegenen Dorf und weiter mit einem klapprigen und vollbesetzten VW-Bus, der auf brasilianisch passenderweise "lotação", also "Ladung" heißt.

Trotz tropischer Hitze und Sardinenpackung ist der Weg nach Punta de Jacuaba malerisch schön: in Nachmittagslicht getauchte Bananen- und Kokoshaine, bonbonfarbene Hütten, meist jedoch ohne Strom- und Wasseranschluß, und die von unserer Lotação aufgewirbelte rote Staubfahne im Rückspiegel.

Im Nordosten Brasiliens hat jeder Mensch eine Geschichte. Von der hängt ab, wie teuer eine Reise wird. Unsere Geschichte ist einfach. Sandra und ich sind Professoren an der Universität von Campina Grande. Der Berufsstand steht in Brasilien nicht in dem Ruf, reich zu machen. Wir können uns augenscheinlich auch kein eigenes Auto leisten und sind für ein verlängertes Wochenende an den Strand gefahren. Das ist also unsere Geschichte.

Ein Anwesen am Rande der Straße nach Jacuaba.

Das Empfangskomitee der Farben


Und so kommen wir in dem weiß getünchten Gartenhäuschen eines Hotels unter. Es ist sauber, riecht aber nach vermodertem Holz. Wir duschen mit von Palmenwurzeln leicht bräunlich gefärbtem Wasser und versprühen eine gehörige Menge des eigens dafür mitgebrachten Mata Tudo ("tötet alles"), das nur in Brasilien so, sonst einfach "Baygon" genannt wird.

Während Mata Tudo für uns arbeitet, sitzen wir in Senhor Marzinhos mit Palmwedeln gedeckten Bar am Strand und trinken eiskaltes Bier.

Die hinter uns untergehende Sonne lässt die Wellen der heranrollenden Brandung tiefgrün leuchten, bevor sie in weißen Schaum zusammenbrechen, der über den spiegelglatten Strand bis zu unseren Füßen gespült wird. Draußen über dem Atlantik stehen goldgelb leuchtende Wolken. Ein rot gestrichenes Fischerboot tanzt auf den Wellen und ein paar lachende Jungen bereiten am Strand die Netze für den nächtlichen Fischfang vor.

Senhor Marzinho kommt aus dem Sertão, einer der trockensten und ärmsten Gegenden Brasiliens. Er schwärmt von den dortigen Bergen und Felsen: wer das kenne, der wolle gar nicht mehr weggehen. Er ist trotzdem hier, denn diese Bar gehört ihm. Er schläft unter dem Dachstuhl und hat ein gutes Leben, wie er sagt. Campina Grande kennt er, aber von "Alemanha", also von Deutschland, hat er noch nichts gehört. In seiner Vorstellung ist es ein Nest irgendwo im riesigen Nordosten Brasiliens.

Wir bleiben zum Abendessen. "Die Speisekarte bin ich", sagt Senhor Marzinho. Es gibt wunderschönen frischen Fisch. Dazu Salat mit Tomaten und Ziebeln, Reis mit dunklen Bohnen. Bis das Essen fertig ist, gehen wir im Licht aufgehenden Mondes am Strand spazieren. Die silbrige Straße des Mondlichtes legt sich über das schwarze Wasser und die Silhouette eines Segelbootes zieht hindurch.

Abendstimmung über dem Atlantik.

Halsschmerzen auf der Terrasse


Am nächsten Morgen habe ich Halsschmerzen von dem vielen kalten Bier am Vorabend. Um so besser schmeckt das Frühstück auf der Hotelterrasse: Mangosaft, in dem der Strohhalm stehen bleibt, Papayas, die in Brasilien interessanterweise "mamão" heißen, Ananas, Rührei, Weißbrot mit Butter, Kaffee.

Hinter uns steht ein öffentliches Telefon - das einzige im Ort mit internationalem Anschluß, wie der Hotelbesitzer stolz erzählt. Eine Chefsekretärin der Telefongesellschaft habe einmal bei ihm Ferien gemacht. Er konnte sie davon überzeugen, dass es für die Telefongesellschaft ein gutes Geschäft wäre, bei ihm auf der Terrasse - jawohl, auf seiner privaten Terrasse - ein öffentliches Telefon zu installieren.
Dank des vielgerühmten Networkings unter Latinos kann ich also hier auf der Terrasse nach Deutschland telefonieren. In Campina Grande, dem "Bangalore Brasiliens" muß ich dafür mit dem Bus zur Telefonzentrale im Stadtzentrum fahren.


Seelenschmerzen am Strand


Im grellen Tageslicht ist der Strand von Punta de Jacuaba trostlos. Entlang der Flutlinie finden sich alle paar Meter angeschwemmte Plastikflaschen, Tüten und anderer Müll. Ein verwittertes Segelboot liegt mit geborstenem Rumpf im Sand und der Styroporkern bröselt heraus. Etwas weiter fließt eine rabenschwarze Kloake offen ins Meer. - Es ist kein Wunder, dass Thailand, Vietnam und Malaysia Brasilien im Kampf um zahlungskräftige Badeurlauber den Rang ablaufen.


Weder Staat noch Revolutionär verstehen die Menschen


Bei unserem Spaziergang treffen wir auf Senhor Miguel, der gerade von einem nächtlichen Fischfang zurückgekommen ist und sein handgeflochtenes Schleppnetz ausbessert. So ein Netz wird über Styroporschwimmer und Gewichte aus Steinen in gewünschter Tiefe hinter dem Boot hergezogen.

Senhor Miguels Boot gehört einem Dono, einem Herrn, der für ein Kilogramm Fisch 30 Centavos (im April 2000 der Gegenwert von etwa 20 Eurocents) bezahlt. Senhor Miguel bringt es so auf einen Wochenlohn von 30 Reais, den Preis unserer gemeinsamen Übernachtung mit Frühstück. Davon ernährt er eine sechsköpfige Familie. Seine Familie lebt also unterhalb der UNDP-Grenze für "absolute Armut" von einem Dollar pro Kopf und Tag.

Senhor Miguel.

Manchmal fährt Senhor Miguel für bis zu zwei Wochen auf hohe See. Im Rumpf des Bootes gibt es dafür einen riesigen Styroporbehälter, der auf Kosten des Dono mit Eis aus der im Ort ansässigen Eisfabrik gefüllt wird. So bleiben die Fische bis zur Rückkehr frisch.

Unter dem Präsidenten Fernando Henrique Cardoso hat der brasilianische Staat den Fischern per Bankkredit Boote zur Verfügung gestellt. Mit Rücklagen von nur wenigen Reais können sie aber weder den Treibstoff noch die Pflege des Bootes finanzieren. Auch käme Senhor Miguel nicht ohne Hilfe des Dono an Absatzmärkte. Er müßte den Fisch also zu Schleuderpreisen an den Dono abtreten.

Und so hat die Bank die unprofitablen und letztlich auch unbeliebten Boote wieder beschlagnahmt. Senhor Miguel zieht ohnehin vor, für einen Dono zu arbeiten. Der kümmere sich auch um die Belange der Familie.

Senhor Miguel trinkt nicht. Er ist "evangélico" und hat im Bibelunterricht lesen, schreiben und argumentieren gelernt. Aber in Punta de Jacuaba stellen diese Fähigkeiten keinen Ausweg aus der Armut dar.
Die Beobachtungen eines durch Südamerika reisenden Ché Gevara kann man auch 40 Jahre nach jener legendären Motorradtour immer noch machen. Aber die Menschen vor Ort ziehen andere Schlüsse als der Revolutionär.


Politik ist trotzdem wichtig


Die meisten Menschen in Punta de Jacuaba haben keine richtige Arbeit, sondern ein "negócio", das sie meist nicht richtig beschreiben können oder wollen. Am Nachmittag treffen wir in einer Strandbar auf Zé-Ivan.

Er war bis vor kurzem Lehrer in einer benachbarten Stadt und gleichzeitig bei der hiesigen Präfektur angestellt - beides für je einen halben und an sich nicht mehr teilbaren Minimallohn. Von diesen im Jahr 2000 insgesamt 151 Reais im Monat und gelegentlichem Zubrot durch ein "negócio", hat er seine fünfköpfige Familie über Wasser gehalten.
Das Geld war hart verdient. Um halb sieben Uhr morgens saß er Richtung Schule auf dem Motorrad. Wenn er um 4 Uhr nachmittags aus der Präfektur kam, wartete die Lotação zur Abenduniversität in Recife, von wo er auch heute noch um Mitternacht zurückkommt: 140 km hin, 3 Stunden Unterricht, 140 km zurück.

Mit den Wahlen neulich hat dieser Rhythmus ein Ende gefunden, denn seine Familie hat den Kandidaten unterstützt, der auch gewählt wurde. Dank dieser politischen Verbindung wurde Zé-Ivan der Vorsitz über die lokale Wasserverteilung übertragen. Das Gehalt sei zwar nur unwesentlich mehr als ein Minimallohn, aber er pendele jetzt wenigstens nicht mehr von einer zur anderen Arbeitsstelle. Als Chef könne er zudem früher nach hause gehen, sich um die Familie kümmern und die Abendkurse vorbereiten.


Lotação: privates öffentliches Verkehrsmittel


Am Nachmittag fahren wir auf Zé-Ivans Rat hin per Lotação in den Nachbarort Vila Velha. Ein riesiges "Jesus liebt dich" Spruchband ziert den oberen Teil der staubigen Windschutzscheibe und am Rückspiegel hängt ein gewichtiger Rosenkranz. Die Schiebetür des so mit Gottes Segen ausgestatteten VW-Busses bleibt immer offen. Der Kassierer steht in ihr, hält sich im Untergriff am Dach fest und ruft bei jedem potentiellen Kunden am Straßenrand sein "Vila Velha, VilaVelha". Winkt jemand, dann klopft er zweimal auf das Dach und der Fahrer hält an. Nach zwei weiteren Klopfzeichen geht es weiter.


Win-win im Straßenverkehr


Unterwegs werden wir von einer Polizeistreife angehalten. "Gewerbeschein?" - hat der Fahrer nicht.

Aussteigen. Verhandeln. "Fünfzig Reais wollen die", knurrt der Fahrer, als er wiederkommt. In der Kasse sind sicher mehr als 60 Reais. "Mehr habe ich nicht", sagt er und drückt dem Polizisten ein Büschel von ein-Real-Scheinen mit zwei gut sichtbaren fünf- und einem zehn-Real-Schein obendrauf in die Hand.

"Vai com deus - gehe mit Gott", enläßt ihn der Polizist.

Natürlich könnte der Fahrer auf seinem Recht bestehen und einen ordentlichen Strafzettel verlangen. Aber Bußgelder in Brasilien passen sich den Gehältern in São Paulo oder Rio de Janeiro an und entsprechen durchaus dem "internationalen Standard". Im Nordosten Brasiliens sind sie damit absurd hoch und leisten der Korruption Vorschub: der Polizist verdient zu seinem Minimallohn-plus-x ein gewisses Zubrot und der Lotação-Fahrer ohne Führer- und Gewerbeschein kommt verhältnismäßig glimpflich davon.

Eine win-win Situation.


Das Schmuckstück unter den Dörfern


Vila Velha ist ein Kleinod. Quer durch das dumpfe Licht eines dichten Waldes nehmen wir einem letzten steilen Anstieg durch einen staubigen Hohlweg und gelangen so auf eine große Wiese mitten im Ort. Sie ist begrenzt von einer strahlend weißen Kirche, rot blühenden Flamboyant-Bäumen und einem als Schule dienenden ockerfarbenem Kolonialgebäude.

Der Tourismus scheint hier noch nicht seine Spuren hinterlassen zu haben, denn die Kinder spielen weiter Fußball anstatt zu betteln.

Die Kirche von von Vila Velha.

Gerechter Lohn?


In einer kleinen Boutique kann ich nicht umhin, für je 4 Reais sehr schön geknüpfte Kissenbezüge zu erstehen. Während wir spazieren gehen, näht man mir für 2 weitere Reais im Nachbargeschäft Unterbezüge aus festem Leinen. Je höchstens ein Real Stundenlohn! Der erhandelte Preis erscheint mir empörend gering. Eine einfache Rechnung zeigt, daß man durch Verkauf auf deutschen Weihnachtsmärkten, selbst mit teurem Paketversand per Post, immer noch zumindest den dreifachen Lohn an Knüpfer- und Näherin weitergeben könnte.

Sandra hält viel von der Geschäftsidee aber wenig von der "Gerechtigkeit", die damit geübt werden soll. Was würde passieren, wenn ich die Knüpferin tatsächlich ausfindig machte und ihr gelegentlich Aufträge mit einem dreifachen Stundenlohn verschaffte? Sie würde bei ihren Kolleginnen zum Marktpreis einkaufen und selbst den Mehrwert einstreichen. "Gerecht" könne dieser Lohn erst werden, wenn die hohe Nachfrage aus Deutschland den Preis in diese Höhen getrieben hätte. Preise oberhalb des Marktüblichen zögen dagegen "espertos" an, der brasilianische Ausdruck für Schlitzohren. Und auch eine Knüpferin wird schnell zu einer "esperta".


Kein Mitleid


Eine tiefrote Sonne geht hinter schwarzen Kokospalmen unter, als wir nach Punta de Jacuaba zurückkommen. Sie hinterlässt ein prachtvolles, aber kurzes Farbenspiel aus Rot, Gelb und Rosa. Darüber prangt das Blauschwarz des schon nächtlichen Tropenhimmels mit den ersten Sternen.

Ein Fischer hat drei riesige Fische an Land gezerrt, von der Form eines Karpfen, aber so groß wie ein fünfjähriges Kind. Sie sind mit einem Strick zusammengebunden, der jeweils durch das Maul ein- und hinter dem Kieferknochen wieder herausgeführt wird. Ein Menschenauflauf hat sich gebildet. Alle drei Fische sind in das selbe Netz gegangen. Jetzt liegen sie mit weit geöffneten Kiemen im Sand und bewegen kraftlos ihre Unterkiefer. Niemand hat Mitleid mit der leidenden Kreatur.


Müll im Mangrovenwald


Am nächsten Morgen steht nach zähen Preisverhandlungen ein Mangrovenwald auf dem Programm.

Für 50 Centavos stochert ein Fährmann Ortsansässige über einen engen aber weit ins Landesinnere reichenden Meeresarm. Dafür braucht er 5 Minuten. Er hat in der Stunde vielleicht einen oder zwei Kunden - und kommt so auf einen monatlichen Minimallohn. Statt der ursprünglich verlangten 60 bezahlen wir 15 Reais, seinen Verdienst von drei Tagen. Darunter geht es nicht. Sein Kahn gehört einem Dono, dem er satte Gewinnbeteiligung erstatten muß.

Das Boot gleitet durch braunes Wasser, das unser Fährmann als "sehr sauber" bezeichnet. Die Sprache prägt das Denken, und so ist "poluição" für ihn ein Problem der Abwässer. Und davon gibt es hier keine, da wir weit weg von jeder menschlichen Siedlung sind. Die mich störenden Plastiktüten, die sich in den Mangroven verfangen haben, fallen für ihn unter "lixo", also "Müll", der ja die Qualität des Schöpfwassers nicht verändert. Insofern ist das Wasser also sehr sauber.

Bei Ebbe sitzen Heerscharen von Krabben auf den Schlammbänken. Sobald wir uns nähern, flüchten sie in ihre Löcher. Die Kinder von Punta de Jacuaba holen sie mit der bloßen Hand heraus und verkaufen sie an die Restaurants als Aperitif.

Mit dem Stocherkahn durch den Mangrovenwald.

Flackernde Schatten im Sand


Am Abend sitzen wir bei Nice an einem von Wind und Wetter zerfressenen Holztisch. Der Schaum der Flut umspült die Pfosten des mit Palmenstroh gedeckten Daches, von dem eine Glühbirne im salzgetränkten Wind schwankend herabbaumelt und flackernde Schatten in den Sand wirft.

Nice hat am Vortag darauf bestanden, uns trotz des Fangverbotes Langusten zu ergattern. Wir sollten es nur niemandem sagen und so haben sich diesmal die Köchin und der Taucher den Gewinn redlich teilen können.

Langustentaucher.

Nice lebt in ihrer kleinen Hütte mit ihrem Vater und ihrer Tochter aus zweiter Ehe. Ihr Mann sei ein Säufer und habe sie oft geschlagen. Deshalb ziehe sie es vor, ihn nicht zu sehen. Manchmal käme er allerdings, um Geld von ihr zu erpressen.

Die Langusten sind phantastisch, das Bier eiskalt und wir bleiben noch für zwei Caipirinhas und einen langen Schwatz bei dieser "Rumpffamilie" aus drei Generationen.


Unheimliche Fassaden


Zurück geht es durch rabenschwarze Nacht. Es ist bewölkt und zudem steht der Mond noch weit unter dem Horizont.

Wir gehen im flachen Wasser, weil dort niemand - anders als im Sand, wie wir uns einbilden - plötzlich aus der Dunkelheit aufspringen kann. Aber wir begegnen keinem Menschen und auch Punta de Jacuaba ist wie ausgestorben.

Was tagsüber anheimeln mag, wird nachts bei starken Wind unheimlich. Ein Haus scheint für Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" Pate gestanden zu sein. Es hat eine schöne Fassade, von der die Farbe etwas abblättert. Ein "typisches" Postkartenmotiv. Erst der zweite Blick zeigt, dass nur noch die Fassade steht, denn durch die oberen Fenster sieht man den Sternenhimmel. - Jetzt heult ein schwarzer Wind hindurch.

Ein Haus aus "Hundert Jahre Einsamkeit".

Blick in das Kaleidoskop der Zukunft


Am nächsten Tag treten wir durch endlose Zuckerrohrfelder den Rückweg nach Campina Grande an. Schon bald werden die Wanderarbeiter kommen, um sich dort mit gefährlicher Knochenarbeit einen Minimallohn zu verdienen.

Wir bleiben noch eine Nacht in einem kleineren Touristenort.

Musik plärrt aus riesigen Lautsprechern. In unserem Restaurant spielt eine kleine Band urwüchsigen Favela-Samba auf. Am Tisch neben uns sitzen drei ausnehmend hübsche Mädchen mit zwei deutschen Geschäftsleuten zusammen, denen ich mich aber nicht zu erkennen gebe. Ein amerikanisches Paar tanzt unpassenderweise Slowfox - zu Samba! Irgendwann geht eine von den Mädels auf die Tanzfläche und lässt einen Sambasturm losbrechen, bei dem selbst Sandra der Atem stockt. Nach wenigen Sekunden ist der Zauber wieder vorbei. Eine Kusshand Richtung Band scheint zu sagen: "seid nicht gekränkt, wenn niemand eure Musik versteht. Ich weiß, wie man sie tanzt". Dann folgen Preisverhandlungen am Nebentisch, Zahlen, "sim" und "não" auf Portugiesisch, garniert mit englischen Brocken auf der einen und anzüglichen, mit Gelächter quittierten, deutschen Bemerkungen auf der anderen Seite. Man wird sich einig und die fünf gehen ins Hotel.

Wir glauben, hier die Zukunft von Punta de Jacuaba vor uns zu sehen. Alles wird modern und belanglos werden. Aber wir glauben, der Vergangenheit, aus der wir kommen, nicht nachtrauern zu dürfen. Zé-Ivan wird in dieser neuen Zukunft Exkursionen in die Umgebung leiten, Nice wird sich ein Häuschen mieten können, Senhor Marzinho wird für die letzten Jahre seines Lebens in den Sertão zurückkehren. Und nachdem der letzte ohnehin schon altersschwache Fischkutter nicht mehr flottzukriegen ist, wird Senhor Miguel ein Motorboot kaufen und Tauchfahrten organisieren, bei denen die ehemaligen Langustentaucher Kurse anbieten.

Es würde belanglos werden. Und es könnte so schön sein. Aber es wird nicht wahr werden. Denn in Brasilien kommt immer alles anders als man denkt.

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