Schweine

zucht im Naturpark - nein danke!

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In einem Modellprojekt der Stadt Porto Alegre gilt es, Umweltschutz und soziale Entwicklung miteinander zu verbinden.

Porto Alegre/Brasilien im Januar 2002, aus dem Tagebuch

Eine Armensiedlung vor den Toren von Porto Alegre


Als Soziologin fühlt sich Carla beim Departamento da Limpeza Urbana, der städtischen Reinigungsbehörde, genau am richtigen Platz. Sie arbeitet in einer der ärmsten Wellblechsiedlungen von Porto Alegre im "europäischen" Süden Brasiliens. Vor allem durch Landflucht ist diese illegale Siedlung inmitten des Naturparks der Ilha dos Marinheiros, einer Insel im Guaíbafluß, innerhalb der letzten Jahrzehnte auf tausend Einwohner angewachsen. Seit einiger Zeit züchten die Marinheiros nun Schweine. Dafür klauben sie Essensreste aus den Abfällen der Stadt und bringen sie in vorsintflutlich anmutenden Karren über eine Autobahnbrücke zur Insel. Große Mengen Müll enden so im Guaíba, werden vom Wind auf der Insel verteilt oder auch als Schutt zur Einebnung von Baugelände verwendet. Seit einem Jahr sorgt Carla auf dieser Insel für Ordnung.

Auf der Ilha dos Marinheiros.

Die Projektidee: Mülltrennung und berufliche Erst- und Fortbildung


In anderen Landesteilen hätte man die Menschen vielleicht aus dem Naturschutzgebiet vertrieben. Nicht so in Porto Alegre, erklärt sie. Hier würden dreizehn Jahre "orçamento participativo", eines Konzeptes der Bürgermitverwaltung, zu einer ganz anderen Denkweise führen. Man dürfe einfach nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entscheiden, so die Grundregel dieses von der sozialistischen Stadtverwaltung propagierten "partizipativen Ansatzes".

In monatelangen Diskussionen konnte Carla das Vertrauen der Marinheiros erwerben, die Vertretern der Obrigkeit meist mißtrauen. Dabei hat sie erfahren, wovon diese bitterarmen Menschen leben: Vom Papiersammeln, vom Fischfang, von jeder Art Gelegenheitsarbeit - und seit neuestem eben von der Schweinezucht. Das Wichtigste ist, auf die Menschen zuzugehen, sagt Carla: laßt uns von der Präfektur einmal sehen, was ihr immer schon getan habt. Wir überlegen dann gemeinsam mit euch, wie wir das besser machen können. So können wir die Insel sauber halten, und ihr habt ein besseres Einkommen.

Da diese Menschen ohnehin im und vom Müll lebten, entstand die Idee, Müll zu sortieren und die so gewonnenen Wertstoffe zu verkaufen. Daneben wurden auch berufsbildende Kurse angeboten.

Arbeiterinnen beim Sortieren von Müll.

Vor Ort


Der Tag der Diplomverleihung zu diesen Kursen. Von dem klapprigen Schuppen weht ein faulig-süßlicher Geruch herüber. Im Schatten des Vordaches erwartet uns Rogerio, der sich, wie in Brasilien üblich, mit Vornamen vorstellt. Er erzählt gerne von seiner Arbeit in der Müllsortieranlage. Zusammen mit zwei Männern und drei Frauen hat er diese "Korporative", wie er sagt, unter Mithilfe der Stadtverwaltung vor einem halben Jahr gegründet. Jeder und jede Angestellte erhalte den gleichen Anteil am Gewinn, oft 300 Reais pro Kopf und Monat, also etwa 150 Euro. In privaten Sortieranlagen werde den Arbeitern dagegen meist nur der gesetzliche Mindestlohn von derzeit 180 Reais ausbezahlt. Rogerio führt uns zu einer gigantischen Papierpresse, in der die Schätze der Papiersammler zu Blöcken von je einem Kubikmeter zusammengepreßt werden. Daneben riesige Bottiche voller grüner und weißer Plastikflaschen, Glas, Metall und anderer Wertstoffe.

Draußen steht die Sonne hoch am Himmel. Unser VW-Bus hat sich in einen Backofen verwandelt und der Fahrer ist längst in den Schatten eines von gelblichem Staub überzogenen Mangobaumes geflüchtet. Mühevoll geht es weiter über eine unasphaltierte und von Schlaglöchern übersäte Piste durch ein weitläufiges Straßendorf.

Immer wieder läßt Carla den Fahrer halten: "Hallo Ana, wie geht´s?" - Alle Angesprochenen strahlen, wenn sie Carla sehen. - "Sag, Ana, hast du den Nähkurs abgeschlossen?" - "Nein, leider nicht." - "Ja, wieso denn nicht?" - "Ach da ist etwas dazwischen gekommen und dann hat mein Mann mich zum Fischen gebraucht." - "Schade, dann wirst du den Kurs wiederholen müssen."

Wie das Nähen so haben die Marinheiros auch die anderen Kurse selbst vorgeschlagen: Haare schneiden, Schuhe reparieren und Autoreifen flicken zum Beispiel. Ein Berater hat diese Vorschläge auf ihre Wirtschaftlichkeit hin geprüft. Was auf dem Arbeitsmarkt mehr als den Mindestlohn einbringt, gilt als gutes Geschäft. Aber für Ana war es schon unmöglich, dreimal pro Woche den Nähunterricht zu besuchen. Eben diese für eine Anstellung so unentbehrliche Regelmäßigkeit sei oft am schwersten zu erlernen, sagt Carla.

Abgehalten wurden die Kurse in einer kleinen Schule, die vor einigen Jahren von dem Orden der Trappisten gegründet wurde. Nach dem Gestank der Müllsortieranlage und der Hitze der Fahrt wirkt sie durch den leichten Chlorgeruch des Putzmittels, das gerade auf den Fliesen verdunstet, als Hort der Sauberkeit und Erfrischung, obwohl das Thermometer 36 Grad im Schatten anzeigt. In einem Waschraum baumeln in langen Reihen die namentlich gekennzeichneten blauen Stoffbeutel der Kinder: Kamm, Zahnbürste, Zahnpasta und je ein Stück Seife. Vor und nach der Schule waschen und kämmen sich alle und nach dem Mittagessen werden die Zähne geputzt. Im oberen Stock führt man uns etwa zwanzig Computer vor: hier lernen die Größeren mit Textverarbeitungs- und Tabellenkalkulationsprogrammen umzugehen.

Dann haben wir alle Hände voll zu tun. Zur Diplomverleihung müssen Stühle, Bänke und Tische aufgestellt und die Räume geschmückt werden. Sogar der Vizepräfekt von Porto Alegre und der Direktor der Reinigungsbehörde haben sich angekündigt. Als es soweit ist, sitzt Rogerio ganz vorne, seine Kollegen und Ana scheinen dagegen nicht gekommen zu sein. Ein Kursteilnehmer ergreift schließlich das Mikrophon und begrüßt die Anwesenden. Durch dieses Projekt, so sagt er, hätten sie alle sehr viel gelernt. Jetzt verstehe er, wie wichtig es sei, die Natur zu schützen. Er wisse, daß Müll gefährliche Gase entwickeln oder einfach nachgeben könne, wenn man ein Haus darauf baue. Und viele neue Berufe hätten sie gelernt. Das habe sie zu Staatsbürgern gemacht. Die meisten von ihnen hätten auch erst im Rahmen des Projektes einen Personalausweis erhalten. Immer wieder verwendet er die selben Begriffe: "Würde", "Arbeit", "Staatsbürger", "gemeinsam" und natürlich "partizipativ". Die richtigen Kernbegriffe zu vermitteln war auch Teil des Projektes.

Carla hält sich im Hintergrund, wird aber immer wieder lobend erwähnt. "Heute ist der Tag der Marinheiros, da habe ich nichts zu sagen", erklärt sie später. Dem Vizepräfekten wird die Verleihung der Urkunden übertragen: "Einführung in die Arbeit und das Staatsbürgertum - Beruf: Schuster. Note 8 für Antonio Egidio da Silva", liest er vor. Applaus. Die Diplome sind auf Wunsch der Kursteilnehmer benotet. Ein unbenotetes Diplom wolle niemand haben.

Dann folgt ein von der Präfektur erstelltes Video über das gesamte Projekt. Zum Glück weht jetzt eine leichte Brise vom Fluß her durch die Räume. Immer wieder wird laut gejubelt, wenn einer der Marinheiros im Bild erscheint. Ein Boot fährt in den Sonnenuntergang, Kinder spielen auf einer verstaubten Straße, eine junge Mutter wiegt ihr Kind auf den Armen. "Wir sind stolz, hier zu leben" sagt ein alter Mann, der vor seiner bonbonfarbenen Hütte Pfeife raucht. Es ist die romantische Seite der Armut, die hier gezeigt wird.

Bei der Verleihung der Diplome.

Die halbnackten, narbenübersäten Kinder zu Füßen der Leinwand stellen eine andere Seite dar. Ein offensichtlich betrunkener Vater im Publikum droht seiner kleinen Tochter mit der geballten Faust - so, als schlüge er mit dieser Faust durchaus auch zu. Ja, sagt Carla später, Alkohol und Gewalt sind an der Tagesordnung. Aber noch nie habe sie so viel Dankbarkeit erfahren und noch nie in nur einem Jahr so viel erreichen können.


Wie könnte es weitergehen?


Wie es wohl weitergeht, fragt sich Carla, als wir in feucht-warmer Abendluft im Seecafé des Stadtparkes von Porto Alegre eiskaltes Bier trinken. Tretboote fahren über den künstlichen See, ein paar Straßenkinder planschen im Wasser und im Licht der untergehenden Sonne bauen sich riesige Gewittertürme auf. "Wenn wir jetzt aufhören", so sagt sie, "dann bricht innerhalb weniger Monate alles wieder in sich zusammen".

Auf dem Heimweg treibt ein kühler Wind die ersten Tropfen durch das Straßengewirr. Ein Papiersammler hat alle Hände voll zu tun, daß ihm nicht die Mühen eines Tages davongeblasen werden: laut Rogerio vierzig Reais für eine Tonne Pappe. Dann geht ein kalter, windgepeitschter Regenguß nieder. Wo werden die planschenden Kinder von vorhin diese Nacht verbringen?

Es gibt noch sehr viel zu tun, hat Carla immer wieder und mit leuchtenden Augen gesagt.

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